„Die kleine Melodie im Wohnzimmer“
Frau Schneider liebte Weihnachten.
FrĂĽher war ihr Wohnzimmer in der Adventszeit voller Musik gewesen:
ihr Mann spielte Mundharmonika, sie sang dazu und die Kinder lachten, während sie Plätzchen stahlen.
Doch das war lange her.
Seit einem Schlaganfall fiel ihr vieles schwer.
Das Sprechen. Das Gehen. Und das Erinnern an manche Tage.
Ihr Haus war still geworden – zu still.
Die Kerzen standen noch auf der Anrichte, aber niemand hatte sie in diesem Jahr angezĂĽndet.
Bis an einem verschneiten Morgen Ana vor der TĂĽr stand.
Eine kleine, ruhige Frau mit warmen Augen und einem Schal in Weihnachtsrot.
„Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Frau Schneider“, sagte sie leise.
In den ersten Tagen sprach Ana nicht viel.
Sie bewegte sich behutsam durch das Haus, fand heraus, wie Frau Schneider ihren Tee mochte,
welche Seite im Sessel sie bevorzugte und dass sie bei MĂĽdigkeit mit der rechten Hand leicht ĂĽber ihre Decke strich.
Doch eine Sache fiel ihr besonders auf:
Im Regal stand eine alte Mundharmonika, sorgfältig abgestaubt, aber unberührt.
Daneben ein gerahmtes Foto – Frau Schneider und ihr Mann, lachend vor einem Tannenbaum.
Am zweiten Advent fragte Ana vorsichtig:
„Haben Sie gern Musik gehört?“
Frau Schneider nickte. „Früher … ja.“
Ihre Stimme war brĂĽchig.
Am Abend verschwand Ana kurz ins Gästezimmer und kam mit einem kleinen Etui zurück.
Darin lag ihre eigene Mundharmonika – alt, aber gepflegt.

„Darf ich Ihnen etwas vorspielen?“, fragte sie.
Frau Schneider sah ĂĽberrascht aus.
Und dann lächelte sie zum ersten Mal seit Tagen.
„Bitte.“
Ana setzte das MundstĂĽck an und spielte langsam, ganz leise:
„Stille Nacht.“
Der Klang war weich, fast wie ein Hauch.
Frau Schneider schloss die Augen, und die Melodie füllte den Raum – erst zaghaft, dann warm, wie ein Licht, das zurückkehrt.
Eine Träne lief über ihre Wange, aber sie wischte sie nicht weg.
Als das Lied endete, sagte sie leise:
„Das war… mein Lied.“
Ana nickte.
„Ich weiß. Ihr Mann hat es auf dem Foto in der Hand.“
Frau Schneider hob den Blick.
„Bleiben Sie… ein bisschen?“
„Ich bleibe“, antwortete Ana.

Von diesem Abend an wurde Musik wieder Teil des Hauses.
Nicht laut – sondern sanft, wie ein geflüstertes Versprechen.
Zum dritten Advent schmĂĽckten sie zusammen den Baum.
Frau Schneider setzte die Kugeln vorsichtig an – langsam, aber bestimmt.
Ana reichte ihr die Sterne und summte dazu.
Der vierte Advent brachte Schnee.
Sie saĂźen nebeneinander am Fenster, die Kerzen brannten, und Ana spielte erneut.
Diesmal sang Frau Schneider mit.
Schwach – aber sie sang.
Und ihr Blick war klarer als in allen Wochen zuvor.
An Weihnachten sagte sie zu Ana:
„Sie haben mir etwas zurückgegeben.“
„Was denn?“, fragte Ana lächelnd.
„Mein Zuhause.“
Ana antwortete:
„Nein. Das war immer da. Ich habe nur das Licht wieder angezündet.“
💙 Und so wurde eine Betreuungskraft zum leisen Weihnachtswunder –
nicht durch groĂźe Gesten,
sondern durch Nähe, Musik und ein Herz, das bleiben wollte.

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